ok, Herr B. B., kräftig in den hintern getreten haben Sie mir und ich habe mich aufgerafft, ein wenig für die mögliche ausstellung "deutsches leben in der türkei" zu arbeiten, habe brav kamera gepackt, blitz geladen, alles in den rucksack verstaut, mich dick angezogen und bin los gestapft, das deutsche leben in istanbul zu dokumentieren: Weihnachtsbasar in der deutschen Schule.
(und nebenbei noch etwas info dazu: die bekannteste straße istanbuls ist die istiklal caddesi. und am letzten samstag vor dem ersten advent sieht man morgens ab ca. 10 uhr auf ihr und in den umliegenden nebenstraßen stetige ströme deutscher menschen auf einen punkt hin streben.
folgt man, von entfernter gelegenen teilen der stadt also einem deutschen familchen, das man glücklicherweise in der ferne entdeckt hat, nicht wissend, wohin zu gehen ist, fremd im türkischen land, orientierungslos, verloren, der sprache nicht mächtig, ... so wird aus dem familchen, dem man sich dr.watsongleich an die fersen heftet, bald ein grüppchen, aus dem man heftiges getratsche über jenen heinz, den anderen peter oder den herrn generalkonsul hört, der da und dort dieses und jenes tat, während ja die arme ursula sich doch zu sehr gehen lässt, usw.
diskret wird die verfolgung fortgesetzt, das grüppchen fädelt sich ein in den verkehr, wird noch etwas langsamer, weil ein anderes grüppchen davor, vertieft in die philosophischen erörterungen des brotangebots der backstube - einer deutsch geführten bäckerei im lande - nicht gar so zügig vorankommt.
Unversehens stellt man fest, dass aus dem millionenpublikum rund um die istiklal plötzlich ein volkswandertag ist, der sich allmählich, deutsch sprechend, die straße entlnagwälzt und von einem klassizistischen Bau in einer seitenstraße verschluckt wird - da sind wir, die deutsche schule ist erreicht.
(also, wer diese finden will im etwas unübersichtlichen Istanbul: wie beschrieben, am letzten Samstag vor dem ersten Advent kein problem, einfach dem erstbesten deutschen wesen folgen).
und das türkische volk am rande? gestern wegen bauarbeiten gab es eine umleitung. türkische passanten wiesen schon fast automatisch, ohne dass deutsches volk zu fragen brauchte, den weg zur umleitung, "deutsch Basar? - da".
oh, ich verhaspele mich, wird wohl etwas länger, der bericht.
weihnachtsbasar? ja, da war ich also, wie immer recht früh angekommen, wie immer mit fast leerem rucksack bewaffnet, den es zu füllen galt. Und wie immer war das "antiquariat" mein ziel: so manche dorfbibliothek wäre froh, diese zahl an bänden zu haben. ein leben allein reicht nicht aus, das alles zu lesen, mehr als 3000 bände allemal: gespendet oder billig verkauft vom deutschen leservolk in istanbul locker sortiert nach "belletristik", "schule und so sachen", "kinder", "krimis", großer grabbeltisch. gerammelt voll, stinkend ob verstaubter buchdeckel und ausdünstender massen ... Es schiebt sich die menge an büchern vorbei, reichlich konsalik und simmel liegt da herum, viel, viel viel aus den schulranzen inzwischen doch der puberträt entwachsener früherer schüler diverser deutschsprachiger schulen, auch einiges von hera lind in mehrfacher ausgabe, wenig auf dem krimitisch dieses jahr, aktuell schon gar nichts aber manchmal mit hübscher widmung "für Luise von einem liebendenTenor, 8. September 1953" oder so ähnlich.
Meine Beute: Dostojewskijs "der Idiot" in einer Auflage von 1958 bei Goldmann, Joseph Roths "Kapuzinergruft", dtv, 1967, Isabel Allendes "Geisterhaus", Suhrkamp, 1985 und einiges mehr, was ich mir im aktuellen buchhandel nicht unbedingt kaufen würde, aber bei 20 YTL (12, 13 €) für die 2,5 Kg kann man ja nicht klagen und der lange grauer winter steht vor der tür ... (abgerechnet wird tatsächlich nach Gewicht, gewogen auf einer alten personenwaage!)
und dann die kamera gezückt, ganz offiziell und wichtig getan und auf die pirsch nach deutschem leben in istanbul gegangen, sollte ja kein problem sein, hier und heute.
Aber: es wurden zwar 1000 portionen kasseler mit sauerkraut bereit gestellt (und aufgefressen, soweit ich erfahren habe), es wurden aldi-lebkuchen und -stollen und dosenkochwürste und adventskalender verkauft fast ohne ende, importierter und gebastelter weihnachtsschmuck wurde fortgeschleppt in großen tüten, massen an adventskränzen fanden ein neues zuhause, deutsch gesprochen, geschrieb, in ohren geflüstert, allüberall, selbst aus lautsprechern hallte gelegentlich neben weihnachtlicher orgelmusik das eine oder andere deutsche weihnachtsverschen, deutsches leben war reichlich anzutreffen.
warum nur verzagte ich ob der selbstgestellten aufgabe, deutsches leben in istanbul zu photographieren und war den tränen nahe?
deutsches leben war es, für den "untertuckener dorfboten" wären die photos von der untertuckener dorf-saal-kirmes vielleicht auch ganz interessant. aber für mich, der ich für goethe das interkulturelle zu jagen ausgezogen war, war nichts türkisches zu finden. die dorf-weihnachts-kirmes in Untertucken irgendwo im niederbayrischen oder gleich neben irgendeiner schweriner seenplatte, vielleicht auch im mittelhessischen würde genau so aussehen: klassizistisches schulgebäude. speisekarte mit kasseler, kochwürsten, sauerkraut, brezeln, badischem wein, stollen, etwas weniger weihnachtlich als karnevalistisch die berliner, die die berliner dann auch gleich berliner pfannkuchen nannten, um nicht dem kannibalismus zum opfer zu fallen, ...
nirgends ein weihnachtlich geschmückter Atatürk, nirgends der blick über den strohweihnachtsmann durch's fenster auf eine moschee, nichts, was den türkischen aspekt hätte zeigen können. aber um die verbindung von beidem war's mir gegangen. die photographische ausbeute? null.
Unterhaltungswert? etwas größer: ein paar freunde getroffen, einen schriftsteller kennen gelernt, der nun als mitreisender ehemann in istanbul lebt und schreibt, die information über ein konzert bekommen, das nächste woche statt findet. bücher ergattert, über diesen und jenen fies gelästert, einen (recht guten) berliner gegessen, automatenkaffee getrunken und ein (eher mäßiges) bier, sollte wohl becks sein, aber egal, das gute efes ist doch um längen besser.
und gegen den hunger bei freunden noch 'ne pizza aus der tiefkühle, ganz ohne schweinefleisch.
so viel zum projekt "deutsches leben in Istanbul" - oberammergau-bavaria ist wahrscheinlich exotischer als das deutsche ghetto hierzulande.
