Wegzeiten

Donnerstag, 28. Mai 2009

Jakobsweg – 26.05.2008: Santiago de Compostela

Jakobsweg – 25.05.2008: Santiago de Compostela
Nach dem für Pilgerverhältnisse späten Abendessen und dem noch späteren Nachhausekommen schlief ich ganz gemütlich aus, um dann lange zu frühstücken und ganz gemächlich durch Santiago zu ziehen, soweit ich mich erinnere, war ich mit ein paar Leuten für Mittag oder Nachmittag verarbredet – zuerst mit San, um ein Reisebüro zu finden, wo sie ihren Rückflug, sofern möglich, vorverlegen wollte und ich meinen Rückflug organisieren würde. Sie hatte mich gebeten, mitzukommen, weil sie befürchtete, sich nicht ausdrücken zu können und sie wohl den Eindruck hatte, mein Spanisch wäre gut genug um solche Sachen zu besprechen, später waren dann noch ein paar andere Treffen geplant mit verschiedenen Leuten zwecks Abschied, zwecks Photos, zwecks Bier trinken, kurz und gut stand mir ein ganz gemütlicher Tag in Santiago bevor, ganz ohne Wandern.
Durch die Stadt herumstrolchend machte ich natürlich ein Photo der „heiligen Pforte“, durch die seit jeher die Pilger in die Kathedrale zum Pilgergottesdienst strömen – nur kann ich mich heute nicht mehr erinnern, welches jene berühmte „heilige Pforte“ ist, auf meiner Festplatte gibt es viele viele Tür- und Torphotos, also nehme ich einfach mal eines als Beispiel, gerade weil es von jenem schicken Jakob gekrönt ist:
Tür, vielleicht die heilige Pforte :-)

Im Reisebüro fanden wir dann eine nette Dame, die, besonders eben für Pilger wie uns, die Geschäfte auf Englisch erledigen konnte – San konnte ihren Heimflug auf den nächsten Tag vorziehen, ich bekam auch einen Flug für den nächsten Tag angeboten und entschied, dass ich dann auch gleich fliegen würde, am Kap Finisterre war ich schon gewesen und dahin würde ich nicht mehr wandern, auch wenn das viele Pilger tun, Santiago an sich ist so klein, dass es sich nicht lohnt, länger dort zu bleiben. Auf die Idee, z.B. in Spanien zu bleiben und z.B. in Madrid ein paar Tage zu bleiben, vielleicht auch nach Barcelona zu fahren, kam ich gar nicht, also kaufte ich mit meinem fast letzten Bargeld das Ticket, das mich dann direkt nach Istanbul bringen würde.

Kaum waren die Tickets gebucht und die Pakete vom Hauptpostamt abgeholt (ganz einfach, man präsentiert die Quittungen, die man beim Wegschicken bekommen hat und einen Ausweis, wartet 10 Minuten und schon ist die Sache erledigt), warteten schon ein paar andere Leute, mit denen ich zusammen in die Kathedrale wollte – ein ordentlicher Pilger hat ja ein paar Stationen abzuarbeiten, auf dass der ordentliche katholische Ablass gewährt wird (ich gebe zu, ich habe sie vergessen, aber ich weiß, dass es dazu gehört, die Säule am Eingang zu berühren, ein paar Gebete zu sprechen, den Sarkropharg des Jakobus zu berühren und natürlich an der Pilgermesse teilzunehmen – und zumindest den Sarkropharg habe ich besucht und später dann noch die Messe.
Jakobus, so sagt die Legende

Als bei der Messe die Zahlen der Teilnehmer aus den unterschiedlichen Längern und Städten verlesen wurden, habe ich mich einen Moment lang geärgert, dass ich nicht darauf bestanden hatte, als „Pilger aus Istanbul“ registriert zu werden – hätte ich das getan, wäre ich verlesen worden: „Pilger aus Istanbul: einer“ - so aber war ich nur ein Teil von „Pilger aus Deutschland: 68“
Aber diese kleine Eitelkeit beschäftigte mich nicht wirklich lange, nach der Messe (bei der übrigens das dicke Weihrauchfass nicht in Aktion trat, das geschieht nur an Sonntagen und besonderen Feiertagen) engagierte mich erst einmal Melinda als Fußmodel – sie wollte mit ihrer Lochkamera Photos der Füße von Pilgern machen, ganz gleich, wie lädiert diese waren und ich hatte mich zur Verfügung gestellt.
Fußprojekt

Nachdem sie meinen Fuß photographiert hatte, lungerten wir noch gemeinsam ein Weilchen herum auf der Suche nach möglichen freiwilligen Models – und ganz stolz kann ich hier gestehen, dass ich es tatsächlich schaffte, zwei junge Frauen zu überzeugen, ihre Füße zur Verfügung zu stellen – und das obwohl sie nur Spanisch konnten und ich eben keines ;-)

Beim Lungern rund um die Kathedrale, sah ich auch zum letzten Mal die Esel aus Frankreich – und auch diesmal reichte es nicht für eine Begegnung, ich sah sie ankommen aber die Polizei war da, bevor es eine Chance für ein „Hallo“ gegeben hätte und vertrieb sie – offensichtlich sind Pilger nur dann beliebt und gern gesehen, wenn sie das gepflegte Straßenbild nicht durch tierische Anwesenheit oder potentielle tierische Hinterlassenschaften gefährden.
unerwünschte Pilger

Überhaupt lebt Santiago de Compostella hauptsächlich von den Pilgern und der (ständig wachsenden) Bekanntheit des Jakobsweges – einen internationalen Tourismus gibt es im übrigen Galicien abseits des Jakobsweges fast gar nicht. Dementsprechend sieht man überall Pilger oder ähnlich aufgemachte Werber, mal für ein Konzert, mal für ein Hotel, mal für ein Museum ...
Werber

Abends gab es dann wieder ein Essen mit ein paar Leuten zusammen, ich kann mich allerdings nicht mehr erinnern, mit wem – Melinda war dabei, San, Hartmut, ich, insgesamt waren wir um die 10 Leute. San und ich würden am nächsten Morgen wirklich richtig früh starten – ein Taxi war schon organisiert, das uns zum Flugplatz bringen würde, also ging es relativ früh nach Hause in die Pension. Aber auf dem Weg musste ich doch noch ein wenig photographieren, ich versuchte mich in Kathedralenphotos ohne Stativ:
Nachtkathedrale

Richtig interessant war dann noch jene Frau, die mit ihrem Hund unterwegs war und Model für Gesiterphotos spielte:
Geisterphotos

Danach ging es brav ins Zimmer, wo ich den Rucksack flugfertig packte (immerhin jetzt wieder mit zusätzlicher Füllung aus zwei Paketen, wobei es galt, die alte Kamera so zu verpacken, dass ihr keine zusätzliche Gefahr drohte, denn die würde ich in Istanbul reparieren lassen). ...

Strecke: 0 Kilometer
Wetter: teils sonnig, teils bewölkt, nur wenig Regen.
Allgemeine Befindlichkeit: gut, wenn auch manchmal ein wenig wehmütig.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Jakobsweg – 25.05.2008: Arca do Pino => Santiago de Compostela

Schön, wenn man mal gemütlich ausschlafen kann, für das Frühstück einfach nur ins Nachbarhaus geht und dann nur Minuten braucht, um flugs im Wald zu sein – genau so geschah es an jenem Tag zu Beginn der allerletzten Wanderstrecke. Und der Gedächtnisersatz Computer verrät mir heutzutage, dass das erste Bild des Tages um 8.10 Uhr entstand, also um einiges später als gewöhnlich.
Und kaum waren wir von unserer Pension die paar Meter zum „Weg“ zurück gegangen, fanden wir uns auch wieder inmitten eines nicht enden wollenden Stroms von Pilgern wieder, es geschah nur noch selten, dass ich wirklich mal ein Stück des Weges ganz ohne Menschen vor mir hatte.
Weg im Wald und so

Immerhin versprach das Wetter Besserung – meine Schuhe waren wieder trocken und ich war guter Hoffnung, auch trockenen Fußes bis hin nach Santiago wandern zu können. Es hatte sich zwar ergeben, dass ich gemeinsam mit San gestartet war und dass wir immer wieder gemeinsam wanderten, andererseits aber gingen wir auch immer wieder ein Stück weit allein, mal blieb ich zurück, um zu photographieren, mal sie, um sich neue Blumen für ihren Hut zu pflücken (ihr Hut war jeden Tag mit neuen Blumen, die sie am Wegrand auflas), mal ging die eine mit jener, mal der andere mit anderen, ...
Es gab wieder ganz viele spannende Dunstflecken zwischen den Hibiskuswäldern Galiciens, und das fand ich spannend, wollte es photographieren, war auf der Jagd nach mystischen Szenen – und hatte öfter mal das Problem, dass gerade Leute meinen Blick störten oder eben gerade mal die richtigen Leute, die aus einem Nebel kommen sollten oder darin verschwinden, nicht zur Stelle waren.
Weg

Eigentlich war die letzte Etappe harmlos, wir starteten bei ca. 300 Höhenmetern, kamen auf 250 herab um dann auf 2 Kilometern auf ca. 370 und nach einem weiteren leichten Abstieg schließlich sogar auf fast 400 Höhenmeter zu klettern, Aufstiege, über die wir vor ein paar Tagen noch gelacht hätten – aber gerade die letzte Steigung zog sich unendlich lang hin. In einer Dreiergruppe (soweit ich mich erinnere Melinda, San und ich) waren wir unterwegs und fingen bald zu zweifeln an, ob wir auf dem richtigen Weg wären, denn wir sahen auf langer Strecke niemanden mehr und fanden einfach nirgends die üblichen gelben Pfeile. Wacker stapften wir zwar voran, zweifelten, ob der richtige Weg wirklich sooo weit hinauf führen müsste und schwärmten aus auf der Suche nach Hinweisen, bis uns ein Fahrradfahrer entgegen kam, der gleichfalls auf der Suche nach dem rechten Weg war, meinte, unser Weg sei der Falsche und hinter uns verschwand. Nach kurzem Kriegsrat beschlossen wir, den ärmsten zu ignorieren und trotzdem starrsinnig weiter zu gehen, als er uns auch schon wieder einholte, gestand, dass er sich geirrt habe und nun einen Pfeil entdeckt hab, der in unserer als der richtigen Richtung wiese. Vor uns sahen wir ihn nun verschwinden, hinter uns eine andere Gruppe herankommen und waren bestärkt, nun selbst den rechten Weg gefunden zu haben und gingen weiter (eine kurze Episode nur, aber zum ersten Mal seit langer Zeit war das der erste Moment, wo ich mir wirklich unsicher war – bis dahin hatte ich mich inmitten der gelben Pfeile so sicher wie in Abrahams Schoß gefühlt, war durch ein ganzes Land gewandert ohne hinreichend gute Karten, manchmal ganz ohne den Namen des Ortes zu wissen, zu dem ich gehen wollte am Ende des Tages, meist ganz ahnungslos, was die Umgebung betraf und war doch immer wieder sicher zum nächsten Dorf geleitet worden, zur nächsten Herberge, zur nächsten Bar).

Der letzte Weiler vor Santiago war dann doch irgendwann erreicht, San Marcos mit einem hübschen kleinen Friedhof.
Friedhof

Hinter San Marcos kamen wir zum Monte del Gozo, der Anhöhe, von der aus zum ersten Mal Santiago zu sehen ist oder vor allem die Kathedrale von Santiago. Dort hatte sich im sommerlichen Wetter eine ganze Menge von Menschen eingefunden, viele viele Pilger, manche auch einfach Spaziergänger aus der Umgebung, es war richtig voll dort und dort blieben wir eine Weile sitzen, tranken (richtig schlechten) Kaffee, aßen eine Kleinigkeit, genossen einen letzten Moment des Weges, bevor es dann in die Stadt und dort zur Kathedrale und zum Ende des Weges ginge, irgendwie wollte ich gar nicht weiter gehen, weil dadurch eine recht lange Zeit zu Ende ginge, andererseits war ich aber auch erpicht darauf, das ganze endlich zu Ende zu bringen. Ein spannender Moment also (mal davon abgesehen, dass ich natürlich wieder einmal versuchte, Photos zu machen, weil ich irgendwo ein paar sehr ungewöhnlicher Stiefel gesehen hatte, vom Blick auf die Kathedrale, der jetzt hier hin gehören würde, aber habe ich es gar nicht erst versucht ... ;-)
Weil ich dort aber selbst nichts Sinniges zu Stande brachte, gibt’s einfach nur einen Link, da kann man Infos kriegen, die richtige Schreibweise finden und – wer will – kann dann im Netz bestimmt mehr finden http://de.wikipedia.org/wiki/San_Marcos_-_Monte_do_Gozo ;-)
Lustig war es auch, hier eine Menge der Leute zu sehen, die man unterwegs immer wieder getroffen hatte, das Paar aus Ks war da, die beiden Oldenburger, E. und seine kleine Tochter – gerade mal 15jährig und am Vorabend wohl mit ein paar anderen jungen Leuten lange lange unterwegs, so dass sie jetzt erschöpft auf der Wiese lag und schlief, waren auch angekommen, ein wirklich tolles Bild, als sie Hand in Hand ankamen, der Vater die Tochter ziehend und ihren Rucksack vor dem Bauch tragend, H. aus Ostfriesland, sogar die drei süßen Franzosen, die ich ganz am Anfang kennen gelernt hatte, waren dort, ...

Irgendwann ging es dann doch weiter. In den Vororten Santiagos begegneten wir einem Opa, der seiner Enkelin das Pilgerleben vorführte – sie sahen wirklich so aus, als wären sie „Pilger gucken“ gegangen:
Pilger gucken

Der Weg führte vorbei an Vorortkunst, an einer großen Straße entlang, eigentlich immer recht gerade bis hin zur Kathedrale – aber natürlich konnte ich nicht anders, als auch unterwegs noch ein paar Photos zu machen, z.B. von der Vorortkunst:

Vorortkunst

In einem Vorort kam es dann zu einer lustigen Situation, in der ich dann endgültig klarstellen durfte, dass ich ganz sicher den Weg nicht gewandert war, weil ich nun immer nur lieb und brav sein wollte und vor christlicher Nächstenliebe dahin schmelzen würde, sondern dass ich ein von grundauf verdorbenes Wesen bin: Irgendwo auf dem Weg ergab es sich, dass auf dem großen, ein klein wenig unübersichtlichen Vorplatz eines öffentlichen Gebäudes, Uni vielleicht oder Stadtverwaltung oder Schule oder was auch immer, auf die Schnelle kein Pfeil mehr zu sehen war (und im Laufe des Tages hatten wir, vor allem Melinda und ich, darüber philosophiert, wie einfach doch das Leben sei, wenn man einen Gott, einen Hirten oder einen Pfeil hätte, der einem den Weg wiese). Wir blieben nicht lange allein, in Minutenschnelle hatten sich mindestens 10 Menschen gesammelt und eine kleine Gruppe (an einem der letzten Tage schon negativ aufgefallen, zumindest mir, der ich meine Langstreckenpilgererdünkel und diverse andere Vorurteile mit mir herumtrug in meinem eh schon zu schweren Sack auf dem Rücken), diese Gruppe, deutschlärmend außerdem, fing nun an, im mitgebrachten Stadtplan von Santiago zu suchen, also beschloss ich, mich auf die Schnelle als schlechten Menschen zu outen. Weil sie bald herausfinden würden, dass es eigentlich nur geradeaus gehen könnte, gab es doch nur eine Straße, die nach links und wieder aus Santiago heraus führen würde und als Alternative über Parkplätze und Fußwege des öffentlichen Komplexes zur rechten hinweg einen Weg, der die etwas indirekte Fortsetzung des Weges darstellen würde, den wir gekommen waren, weil alle, wenn sie sich nur einmal genau umschauen würden, sofort diesen Weg geradeaus als einzige Möglichkeit erkennen würden, musste ich böse sein, bevor sich jemand ernsthaft umschaute. Kurzerhand sagte ich zu den direkt umstehenden, dass ich nun böse sei und den Herdentrieb vorführte (ok, die meisten konnten das nicht hören, gebe ich ja zu) und ging zielstrebig einfach in der Richtung los, in der ich den nächsten Pfeil erwartete – und siehe da, restlos alle folgten mir, vergaßen den Blick auf die Karte, packten diese wieder ein und wanderten glücklich weiter, auch an mir vorbei, nun den richtigen Weg kennend und glücklich und zufrieden, auch als ich am Rand stehen blieb um auf Melinda und San zu warten, die etwas langsamer waren als die Deutschgröhlenden, gingen sie an mir vorbei und weiter – es hatte eben nur einen Leithammel gebraucht, der den Weg wies und die Welt war in Ordnung und dass ich sie und damit uns alle vorführte, nahmen sie gar nicht wahr. (Melinda schimpfte scherzhaft ein wenig mit mir, aber wir waren uns einig, dass wir gerade genau das Phänomen gesehen hatten, über das wir uns eben unterhielten).
In Santiago selbst trennte sich unser Grüppchen, das auf fünf oder sechs Leute angewachsen war wieder, die meisten wollten in jene berühmte Herberge, die richtig groß sein soll, irgendwo habe ich etwas von 800 Leuten gehört, finde aber auf die Schnelle keine genaueren Informationen, San und ich waren wieder auf dem Luxustrip und wollten versuchen, wieder Zimmer in einer Pension zu finden – fanden wir auch, direkt bei der Kathedrale und nicht gar zu teuer (wenn auch hochgradig einfach und nicht das, was man wirklich klinisch rein nennen würde). Und auch hier wieder der Versuch der Wirtin, die Sprachlosigkeit mit Lautstärke zu übertönen (ich kann nach wie vor nur Brocken Spanisch, immerhin mehr als San, die Wirtin kein Englisch). Und natürlich wollte uns die Wirtin weiß machen, dass wir ein gemeinsames Zimmer bekommen könnten (für 60 € pro Nacht), führte San dann auch in die Zimmer und machte ihr gestisch klar, dass sich in den Zimmern prima alles das machen ließe, was Mann und Frau miteinander machen. Es brauchte dann noch einmal fünf Minuten, bis wir der guten Frau klar gemacht hatten, kein Paar zu sein und zwei einzelne Zimmer statt eines doppelten zu benötigen – und schließlich bekamen wir die gewünschten Zimmer, das eine für 20 €, das andere für 30 € - also einfach 25 für jeden und San durfte aussuchen, ich bin ja gut erzogen ;-)
Irgendwann muss ich doch noch die Photos raussuchen, die ich damals in der Kneipe machte, die zur Pension gehörte – die Wirtin war schon eine sehr eigenartige Frau, sehr laut, nicht wirklich super sympathisch aber die Zimmer waren OK, nicht zu teuer nach ca. 15 Minuten Verhandlung und allerhöchstens 5 Minuten von der Kathedrale entfernt.
Kaum hatten wir uns eingemietet, sausten wir auch noch zum Pilgerbüro, um die Compostela abzuholen – die Schlange war nicht allzu lang, auch wenn ich sie zunächst mit einem Schock gesehen hatte:
Schlange

Die Verteilung der Compostelen (ist das der Richtige Plural von Compostela, dem offiziellen Namen der Urkunde, die die Pilgerfahrt bescheinigt?) war recht einfach organisiert: In einem Raum saßen zwei Frauen, schauten sich die Pilgerpässe an, um die Einhaltung der wichtigsten Vorschriften zu überprüfen (z.B. ob die letzten 100 Kilometer zu Fuß gegangen waren), trugen Namen und Herkunft in große Bücher ein, suchten die lateinische Entsprechung des Namens aus einem anderen Buch heraus und schrieben den in die entsprechende Urkunde und schwuppdiwupp war man abgefertigt.
Bei mir gestaltete sich das Prozedre denn doch mit einem nur kleinen Unterschied: ich war wohl heringehüpft in den Raum, als ich an die Reihe kam – es war mir selbst zwar nicht aufgefallen, aber es war wohl so. Als ich gemütlich da saß, die Frau fragte, wo ich wohnte, zögerte sie bei Istanbul, da ja im Pilgerpass das Dorf bei Kassel festgeschrieben stand – und leider richtete sie sich nach den Angaben im Pilgerausweis, nicht nach dem realen Wohnort, sonst wäre ich am folgenden Tag bei der Pilgermesse als einziger Istanbulpilger erwähnt worden ;-)
(Beim nächsten Mal werde ich darauf achten, ich bin ja doch auch eitel).
Und bevor sie dann die Compostella ausstellte, fragte sie nach bei ein, zwei Stempeln und tat ganz gewissenhaft, wenn auch mit reichlich Schalk in der Stimme. Verwundert fragte ich sie dann, was denn das Problem sei, woraufhin sie noch ganz trocken meinte, dass ich ja wohl kaum zu Fuß gegangen sei. Nun war ich baff, hatte mich hunderte von Kilometern durch Eis, Schnee, Regen, klirrende Kälte und grausamste Tropenhitze geschleppt, Enbehrungen fast ohne Ende ertragen, war des öfteren gestrauchelt (aber immerhin nie gestürzt), hatte also mein Menschenmöglichstes, ja fast Unmenschliches geleistet, um hier zu stehen und diese Kirchenbeamtin wagte zu zweifeln!
Und all dieses Gedankenwirrnis hatte sie wohl in meinem Gesicht widergespiegelt gesehen – hatte es ja auch hervorrufen wollen – und fügte nun breit grinsend hinzu, dass ja sonst kaum jemand so dynamisch und hüpfend sich ihr nähere und dass das doch nahelege, die Ensthaftigkeit der Pilgerfahrt zu überprüfen. Kaum hatte sie's gesagt, war auch meine Compostela fertig, Henricus ward ich geworden aus Alemaniya, und als Pilger aus weltlichen Gründen anerkannt, bescheinigt und aufgeschrieben.
Leider habe ich Depp vergessen, die Urkunde einzuscannen oder abzuphotographieren, das werde ich nachholen, sobald ich zu hause bin ;-)

Abends ging's dann noch in ein nobles Café – vielleicht das, wo M. vor 17 Jahren den schmierigen Klavierspieler kennengelernt hatte? Auf jeden Fall gab's Klavierspiel live und dann auch noch Thomas und Gabi, die inzwischen auch angekommen waren, was mich wirklich heftig freute, hatte ich sie doch an meinem zweiten Tag kennen gelernt.
Café


Am Abend traf sich dann eine bunte Gruppe von Pilgern zum Abendessen in einer Bar, an das ich mich gar nicht mehr erinnern kann, aber es gab zumindest das gute Estella und einige Gespräche, hauptsächlich über den Weg und über die Körperlichkeit, die wir dort alle erfahren hatten – während des Wanderns über so lange Zeit und weite Strecken wird der Körper mit all seinen Problemen zum Gesprächsthema, spätestens dann, wenn diverse Krankheiten, Blasen, Muskelkater, Erschöpfungszustände bewusst machen, dass wir nicht nur als Geistwesen umherschwirren, sondern eben auch einen Körper haben, der nicht immer so will wie er soll. Insgesamt war der Abend aber recht kurz – die Körper forderten nach der Wanderung ein gewisses Maß an Schlaf.
Café



Strecke: 19 Kilometer, nur schwach hügelig aber als ganz schön steil empfunden
Wetter: teils sonnig, teils bewölkt aber kein Regen.
Allgemeine Befindlichkeit: ganz gut, die Knie schmerzten nur noch wenig, die Schienbeine gar nicht mehr, aber nachdem nun das Ziel erreicht war, stellte sich allmählich eine gewisse Unruhe im Innern ein.

Dienstag, 26. Mai 2009

Jakobsweg – 24.05.2008: Arzúa => Arca do Pino

Das erste Bild des Tages entstand um 7.31 Uhr. Es zeigt die für die Gegend um Arzúa typische Landschaft mit dem Wald, Weideland und auch den so typischen Wolken und Dunstfetzen.
Nebelstimmung

Dementsprechend früh war ich wohl doch aufgestanden und losgezogen, auch wenn wir uns nicht verabredet hatten, ergab es sich, dass San und ich zusammen los zogen, um eine Bar für's Frühstück zu finden – fanden wir dann auch sehr schnell, eine sehr große sogar, die recht professionell war, mit schnellem (aber nicht gerade sehr gutem) Service und ausreichender Qualität.
Wir wanderten dann auch weiter, soweit ich mich erinnere, gemeinsam, aber im Laufe des Tages gab es Phasen, wo ich allein unterwegs war, Phasen, wo sich um uns herum auch eine ganze Gruppe bildete.
Der Weg führte wieder durch Feld und Wald, diesmal meist auf befestigten Wegen, weniger auf richtigen Feldwegen oder gar Pfaden, aber doch noch angenehm autolos in der Regel. Und wieder gab es viele Hórreos mit noch mehr Versuchen, sie zu photographieren. Also gibt’s auch heute wieder das Hórreo des Tages:
Hórreo des Tages

Am Morgen war es ja noch angenehm trocken und später sogar warm gewesen, was einlud dazu, sich lockerer anzuziehen und den gestrigen Regen zu vergessen.
Pause
(ihn kannte ich auch, hatte ihn immer wieder gesehen, aber da er außer Französisch und Spanisch keine meiner Sprachen konnte, hatten wir uns nie länger unterhalten, waren uns aber immer sympathisch und teilten auch mal gemeinsam eine Brotzeit mit Austausch von Wurst und Käse)

Der Sonnenschein aber täuschte und hielt nicht lange, bald gab es wieder den üblichen Regen, und den gab es dann auch in Massen, fast wie um das, was während der kurzen trockenen Phase versäumt worden war, nun doppelt nachzuholen, es regnete zwischendurch sogar so stark, dass auch die hartgesottensten Pilger glücklich waren, wenn sie Unterschlupf unter einer Brücke fanden:
unter der Brücke

In Arca do Pino beschlossen San und ich wieder, es in einer Pension zu versuchen – wieder waren wir arg durchnässt und wieder stand uns beiden nicht der Sinn nach einem großen Schlafsaal und dem fehlenden Luxus der typischen Herbergen – in die wir zwar gegangen wären, hätte es keine Alternative gegeben, aber die Alternative fanden wir dann doch, nur ein ganz wenig abseits des Weges, zu einer Bar gehörend, wo es dann auch ein Frühstück gäbe am nächsten Morgen ;-)
Die Pension, die wir gefunden hatten, war winzig, es gab gerade mal drei Zimmer, ein Doppelzimmer, das schon belegt war und zwei Einzelzimmer,
Zimmer
wobei uns angeboten wurde, dass sie uns im Notfall auch ein Zimmer zu zweit vermieten würden, was wir aber ganz sicher nicht wollten, es war zwar ganz angenehm, gemeinsam zu wandern und zu reden, aber selbst wenn es zwei getrennte Betten in einem Zimmer gewesen wären, wäre mir das schon zu intim geworden. Auch eine spannende Sache das, ich war in der Lage, in einem Schlafsaal mit 120 Leuten zu schlafen, in Betten, wo das eine direkt neben das andere gestellt worden war, wo man also wirklich nur Zentimeter von wildfremden Leuten schlafen musste, von denen man nichts wusste, als man das Bett bekam, wo man vielleicht einen Schlafsack liegen sah, vielleicht ein Handtuch, die aber nichts über diese wildfremde Person aussagten, aber es wäre mir zu eng und zu intim gewesen, mit San in einem Raum zu schlafen, wenn es dort zwei getrennte Betten gegeben hätte ...
Aber in unserer Pension hatten wir ja unsere kleinen schicken Einzelzimer und – solange das Paar des Doppelzimmers nicht da war - den kleinen Aufenthaltsraum mit dem Ofen, den die Wirtin für uns extra angezündet hatte und der wunderbar Wärme verbreitete.
Wohnzimmer

Leider kam dann aber doch jenes Paar und disqualifizierte sich durch ein paar doch sehr seltsame Sprüche über „spanische Zustände“ und „man muss dieses und jenes“ und ein Hohelied auf die eigene Planung und Leistung – und wie so oft bei solchen sich selbst disqualifizierenden Leuten auf dem Weg sprachen sie dann auch noch Deutsch ...

Mit der Gewissheit, ein eigenes Zimmer zu haben und am nächsten Tag nicht weit gehen zu müssen, gingen wir dann noch Essen und tranken auch einen zweiten Wein (in Spanien habe ich dann auch tatsächlich hin und wieder Wein getrunken, während ich den ja im Normalfall weder trinke noch vertrage) und kamen später als die herbergsübliche Schlafenszeit von 21.30 in unsere Pension und verabredeten dann auch, am nächsten Morgen gemeinsam los zu ziehen, nicht ganz so früh, wie das sonst üblich war – was sich dann auch schon fast wie eine kleine Sünde an fühlte, im Gegensatz zu braven Pilgern würden wir den Sonnenaufgang einfach verschlafen und dann auch noch ganz gemütlich frühstücken statt mit dem ersten Hahnenschrei los zu hasten.

Strecke: ca. 20 km, leicht hügelig zwischen ca. 300 und 400 Metern.
Wetter: anfangs trocken, später teilweise arg heftiger Regen
allgemeine Befindlichkeit: gut

Jakobsweg – 23.05.2008: Palas del Rei => Arzúa

Offensichtlich war ich damals wieder sehr früh auf den Beinen – warum, kann ich heute nicht mehr erinnern, aber ich habe noch genau das Bild vor Augen, wie ich am frühen Morgen schon vor der Tür stand, unter dem winzigen Vorsprung an die Wand gequetscht, um bei der Guten-Morgen-Zigarette nicht gar zu nass zu werden. Vermutlich hatte mich wohl wieder ein Frühaufsteher aufgeweckt, auf jeden Fall habe ich das erste Hórreo schon um 6.35 photographiert, wozu ich aber erst aus dem Dorf heraus musste, also mindestens schon 10 Minuten gewandert war – heute kann ich ja nur staunen darüber, dass ich das fertig gebracht habe, jeden Morgen sooo früh aufzustehen und einfach in den Regen hinaus zu wandern ...
Auf jeden Fall machte ich wieder viele Hórreo-Versuche auf dem Weg durch das richtig ländliche Galicien – wieder führte der Weg durch Wiesen und Wälder (Felder sind in der Gegend tatsächlich arg rar) und ich genoss über weite Strecken, einfach alleine durch diese archaisch anmutende Umwelt zu wandern – wobei der anfänglich leichte Regen zwar nicht wirklich schön war aber zu der kontemplativen Stimmung beitrug, indem alle anderen Geräusche außer dem des Wassers übertönt wurden.
Wald und Wiesen

Und irgendwann in einem der winzigen Dörfer (ich glaube, sowas nennt man dann Weiler) habe ich auch das Photo hinbekommen, das ich jetzt als das tägliche Hórreo-Photo ausgewählt habe – die Dinger haben mich so fasziniert, dass ich jetzt noch von dem einen Tag 20 bis 30 Photos davon auf meiner Festplatte habe, auch nachdem ich die schlimmsten (verwackelte, gar zu langweilige Ausschnitte, unter- und überbelichtete, ...) längst gelöscht habe. Aber egal, es war auch ein Hórreotag, also gibt es jetzt wieder eins von diesen Dingern (die denen am schwarzen Meer übrigens auffallend ähneln – noch eine Gegend, wo ich noch einmal hin muss, um ein paar bestimmte Photos zu machen ;-)
Hórreo

Ungefähr auf der Hälfte der Tagesetappe lag eine mittelalterliche Brücke, bei der ich für zehn Minuten ausharrte, um ein paar Photos zu machen – ich versuchte mich natürlich auch in Totalen, um die spitze Form, die ich so aus Deutschland nicht kannte (oder zumindest mich nicht an ähnliche Bauwerke erinnerte) aufzuzeichnen, aber reizvoller war doch der Versuch, sie inklusive Wanderern auf ein paar Pixel zu bannen, war ein Teil meiner Wanderung doch auch in dem Willen geschehen, sie in Photos zu dokumentieren. Also wartete ich auf ein passendes Bild – von den fünf Bildern, die mir heute zusagen, habe ich dann einfach eins ausgewählt (vor einiger Zeit, als ich beschlossen hatte, den um ein Jahr verspäteten Bericht zu schreiben und dafür dann auch ein paar Tage lang Photos wählte und bearbeitete, wohl wissend, dass ich dazu später, beim Schreiben also, kaum käme – heute würde ich ein anderes aussuchen).
mittelalterliche Brücke bei Melide

Während ich bei der Brücke damit beschäftigt war, passende Photomomente abzuwarten (und einige Leute verwundert vorbei kamen und kaum verstanden, dass jemand trotz des Regens einfach nur dort stand und wartete – einige fragten nach, was ich täte, zwei oder drei sogar, ob sie mir helfen könnten), kam auch San vorbei und wir beschlossen, ein Weilchen gemeinsam zu wandern.
Wir waren uns immer wieder mal begegnet und hatten geschwätzt und die letzten zwei Tage hatten wir uns auch immer wieder gegenseitig überholt, also bot es sich an, einfach mal ein Stück gemeinsam zu gehen – und auch wenn wir aus völlig verschiedenen Welten kamen, oder gerade deswegen, hatten wir reichlich Gesprächsstoff – und als wir nach Melide kamen, stellten wir auch fest, dass wir beide Hunger hatten und den Pulpo probieren wollten, für den die kleine Stadt bekannt ist (Wikipedia z.B. weiß nicht viel mehr als vom Pulpo zu berichten: http://de.wikipedia.org/wiki/Melide_(Galicien) ;-))
Wir fanden ein entsprechendes Lokal und hatten einigen Spaß mit einer Mahlzeit, die doch etwas ungewohnt aussieht für mitteleuropäische (oder südafrikanische) Gewohnheiten:
Middach
Die Tintenfische werden dort am Stück gekocht und vor dem Servieren einfach in Portionsgröße ab- und klein geschnitten. Auf dem Teller sieht das dann noch seltsamer aus – auch wenn es absolut lecker ist und ich kaum etwas anderes bräuchte um einige Zeit überleben zu können (in Galicien habe ich immerhin vor 20 Jahren alle möglichen Meeresfrüchte kennen und lieben gelernt, eben auch Pulpo, nur habe ich leider die kleine Bar nie wieder entdeckt, in der es damals den weltbesten „Pulpo con sua tinta“ oder so ähnlich gegeben hatte, aber der in Melide war auch nicht schlecht ;-)
Pulpo

Auch wenn es wegen des Regens arg schwer viel, sich wieder auf den Weg zu machen, zogen wir doch weiter – in Melide war es fast schon trocken, als wir ankamen, fing aber wieder an, stärker zu regnen, als wir aufgegessen hatten. Und natürlich war die kurze Schwachregenphase nur eine Täuschung gewesen, den Rest der Etappe wanderten wir durch immer stärker werdenden Regen, der so stark war, dass das Gespräch schwierig wurde, weil es galt, das ständige Prasseln auf die Kapuze zu übertönen, was nicht einfach war, Photos habe ich nur noch sehr wenige gemacht, einfach weil es zu umständlich war, die Kamera unter dem Umhang hervor zu zaubern und sie dann wieder trocken zu verstecken, selbst ich, der ich doch normalerweise recht unerschrocken bin und die Kamera durchaus einem leichten Regen aussetze und keine Angst vor ein wenig Spritzwasser habe, befürchtete doch, sie zu zerstören, wenn ich sie zu oft und zu nass werden ließ.
Tür und Tor und Katze

Ich hatte eigentlich vor gehabt, nur bis nach Arca do Pino zu wandern, aber dort entschieden wir spontan, bis nach Arzúa weiter zu gehen, da wir dort wohl eher eine Pension fänden, wo wir eigene Zimmer beziehen könnten, jeweils ein eigenes Bad hätten und unsere Klamotten trocknen könnten, die inzwischen völlig durchnässt waren, selbst meine Schuhe waren zum ersten Mal seit Start der Wanderung bis nach Innen durchnässt, trotz der Stulpen (allerdings fehlte es an Imprägnierung, einem Service, der in den Herbergen fehlte und mit dem vermutlich auch einiges an Geld zu verdienen wäre, haben doch so ziemlich alle Pilger genau das selbe Problem und ist in Galicien einfach ganz sicher davon auszugehen, dass man einige heftige Regentage auf dem Weg hat).
Lustig war es, sich mit San relativ zielstrebig einer völlig fremden Stadt zu nähern und ganz sicher davon auszugehen, eine erträgliche Pension zu finden: Nachdem sie ein erfolgreiches Berufsleben unter anderem als Inhaberin eines gut gehenden Maklerbüros führte, eine Tochter groß gezogen hatte, alleine diverse Reisen gemacht und sich schließlich auch hier alleine über 700 Kilometer durch Spanien geschlagen hatte, machte sie nicht den Eindruck, sich nicht zurecht zu finden, aber sie gestand mir, dass sie immer entweder in großen Hotels geschlafen hatte, die durch entsprechende Schilder zu finden waren in richtig großen Städten und dann dementsprechend teuer waren oder dass sie anhand der gelben Pfade die Herbergen gefunden hatte. Von Pensionen und Hostals hatte sie nie gehört und hatte sie nie gefunden und war dann auch ganz erstaunt, als ich genau so etwas suchte und nach kurzer Zeit auch fand. Besonders angenehm fand sie den Preis (soweit ich mich erinnere, waren es 20,- €, vielleicht sogar nur 15 pro Einzelzimmer, das erinnere ich nicht mehr genau) Die Pension war modern, die Zimmer praktisch, die Bäder groß und das Wasser wunderbar war, außerdem gab es einen Heizungsraum, wo wir unsere nassen Sachen trocknen konnten (selbst die Schuhe waren am nächsten Morgen fast trocken). Das einzige, was fehlte, war die Bar direkt um die Ecke für das Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen, aber die würden wir am Weg finden – und nach einer reichlichen Pause zum Trocknen und Aufwärmen zogen wir dann auch los und konnten uns dann im Ausgehzentrum des Orts auf eine Pizzeria einigen, wo wir statt spanischen Tapas dann italienische Pizza bekamen, nicht wirklich gute, aber eine willkommene Abwechslung zu Brot, Käse und Äpfeln, von denen ich die vergangene Zeit gelebt hatte.
Müde, wie sich das für Pilger gehört, die morgens früh aufstehen um die Hähne aus den Federn zu jagen, waren wir wohl beide rechtschaffen müde und gingen bald in unsere Pension zurück. Ich schlief wohl sofort ein, nachdem ich in mein Zimmer gekommen war. Und ausnahmsweise schlief ich wohl auch ein, ohne mir den Wecker auf eine bestimmte Zeit zu stellen, die morgige Etappe wäre so kurz, dass es egal war, wann ich aufstünde.

Strecke: 28 Kilometer, hügelig von 600 auf 300 herab.
Wetter: mal stärkerer, mal weniger starker Regen, übertrieben nass und frustrierend
allgemeine Befindlichkeit: gut, trotz des Regens!

Freitag, 22. Mai 2009

Jakobsweg – 22.05.2008: Portomarin => Palas del Rei

Jakobsweg – 22.05.2008: Portomarin => Palas del Rei

Bevor ich mich in der Schilderung des Tages aus heutiger Sicht versuche, muss ich anmerken, dass meine Aufzeichnungen, die ich damals jeweils nachmittags oder abends machte, verloren gingen – nachdem ich im November, vier Monate später als geplant und nach einigen unangenehmen Erlebnissen mit Autos und Krankenhäusern nach Hause kam, konnte ich die entsprechenden Zettel einfach nicht mehr finden und mich auch nicht erinnern, wo ich sie vielleicht deponiert habe – vielleicht werden sie ja irgendwann irgendwo auftauchen, aber bis dahin muss ich die letzten Tage meines Jakobsweges aus dem Gedächtnis und anhand der Photos rekonstruieren, die irgendwo auf der Festplatte liegen.

In der Herberge hatte ich sehr lange im Bett ausgeharrt und den üblichen Lärm einfach ignoriert. Danach gab es dann ein Frühstück mit ein paar anderen Leuten aus der Herberge in einer der nahen Bars, bis es dann schon relativ spät los ging (das erste Photo des Tages habe ich um 7.45 gemacht). Weil ich noch einmal ein Photo von der Kirche machen wollte, also ein paar Meter weg vom Weg ging, zog ich alleine los – die Photos wurden aber trotzdem nichts ;-)
Statt dessen gab's dann einfach nur eine Aufnahme der typischen Säulengänge:
Säulengänge

Der Weg führte teilweise an einer größeren Straße entlang, später dann wieder über schmale Wege und Pfade durch Wald und Wiesen. Den ganzen Tag versuchte ich zwar, die für Galicien typische Hórreos zu photographieren, die Speicher für Alles, was Bauern so ernten und für den Winter lagern ( http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B3rreo ). Allerdings gibt es auf der Festplatte viele Photos aber kein wirklich Gelungenes. Aber das folgende mag als erträglich durchgehen:
Hórreo


Was wieder sehr deutlich war, war die Menschenmenge unterwegs – viele viele Leute, die ich vorher nicht gesehen hatte. Aber jetzt nicht mehr ganz so extrem wie am Tag davor – irgendwie verteilten sie sich wohl besser – oder aber einige hatten aufgegeben und waren nicht mehr unterwegs – zumindest nicht auf den Fußwegen.

Natürlich gab es wieder reichlich Schilder und Wegweiser und natürlich feierte sich der Jakobsweg wieder selbst, wie man das schon lange gewohnt war, hier gab es dann aber auch mal eine kleine Variation, die erklären mag, warum der eine oder andere so schnell vorwärts kam, fast wie raketenbetrieben:
Raketenantrieb

Angesichts vieler leerstehender und allmählich verfallender Häuser drängte sich der Gedanke auf, dort Pilgerherbergen einzurichten, dem ich einige Zeit nach hing.
künftige Pilgerherberge

Ich weiß heute nicht mehr, mit wem ich damals ein Stück wanderte, aber ich weiß noch, dass wir beide genau die gleiche Träumerei entwickelt hatten, so ein Haus zu kaufen und es dann zur Pilgerherberge zu machen, was gar hicht soo aufwändig wäre, zeichnen sich die Herbergen doch dadurch aus, dass sie sehr einfach sind und die Gäste keine übertriebenen Ansprüche an die Ausstattung stellen. Gemeinsam überlgten wir, was so einer Träumerei ernsthaft entgegen stünde – und mir war klar, dass ich mir zwar vorstellen könnte, an so einem Ort für begrenzte Zeit zu bleiben, dass ich aber sicher nicht dort leben wollte, vor allem nicht mit der Perspektive, in der Abgeschiedenheit den Rest meines Lebens zu verbringen – und abgeschieden leben die Leute dort, es kommen zwar immer Pilger vorbei, die ziehen aber spätestens nach einem Tag wieder weiter.
Je später es wurde, desto schlechter wurde das Wetter. Als es endlich nach Palas del Rei herunter ging, war der Regen nur noch schrecklich, wolkenbruchartig strömte er herunter, so dass es arg nass wurde trotz des Regenumhangs, der Stulpen auf den Schuhen und der ehemals imprägnierten Funktionshose – irgendwie fing alles allmählich an, Wasser anzusaugen, auszuschwitzen, im Wasser zu stehen oder das Wasser und damit auch die Kälte direkt auf die Haut weiter zu leiten.
Glücklicherweise fanden wir dann aufgrund eines lkeinen Fehlers – wir übersahen einen Wegweiser – eine kleine Herberge, die in einem früheren Wohnhaus untergebracht war und bekamen dort die letzten freien Plätze – in einem relativ netten Zimmer mit zwei Stockbetten (also gerade mal vier Schlafplätzen) und einem eigenen Bad – was purer Luxus war, nur der Platz zum Wäschetrocknen war sehr bescheiden aber doch so notwendig. Im Gegensatz zu anderen hatte ich noch das Glück, dass mein Rucksack dicht blieb. Andere hatten nicht einmal trockene Wäsche zum Wechseln.
In einer kleinen Regenpause ging ich los, das Städtchen zu erkunden, kam aber nur bis in eine kleine Bar, in der Pilger wohl selten zu Gast waren, auf jeden Fall erregte ich schon ein gehöriges Maß an Neugier und es entspann sich ein kleines Gespräch mit einem der Spieler vom Tisch nebenan.
Später musste ich dann doch durch den Regen zurück in die Herberge – und sah dann auf dem Weg noch die Esel, die in der Bar für Furore gesorgt hatten: Der Wirt hatte sie kommen sehen und plötzlich waren alle an die (Glas)Tür gedrängt um hinaus zu schauen und die Gruppe mit den Eseln zu bewundern, offensichtlich ein Bild, das dort auch nicht alltäglich ist. Bis ich die Kamera ausgepackt hatte, war es zu spät, aber später sah ich dann doch noch die Esel, die Familie war wieder verschwunden, die sah ich einfach nie, das ergab sich nicht.
Pilger
Den Rest des Tages verbrachte ich mit den üblichen Pilgerbeschäftigungen: Handwäsche, ein bisschen aufschreiben, ein wenig Schwätzen mit den Leuten in der Herberge (ich weiß nicht mehr, mit wem ich an jenem Tag öfter gegangen war und mit wem ich dort in der Herberge angekommen war, aber ich weiß doch noch, dass wir uns einige Male ganz angenehm unterhielten. Schade, dass die Aufzeichnungen verloren sind).

Strecke: 24 Kilometer, gemächlich von 400 auf 750 Meter hoch, dann wieder auf 600 runter, also recht harmlos
Wetter: überwiegend Regen, kurze trockene Phasen, zunehmend stärkerer Regen
allgemeine Befindlichkeit: soweit ich mich erinnere, ganz gut

ps: den Palast des Königs, den ich in Palas del Rei vermutete, fand ich leider nicht.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Jakobsweg – 21.05.2008: Sarria => Portomarin

Wieder mal als einer der ersten aus dem Schlafsaal heraus, als es anging, laut zu werden – und wie immer brauchten die, die für den Lärm verantwortlich waren, viel viel länger als ich, um den Schlafsaal zu verlassen. In grummeliger Laune machte ich mir ein kleines Frühstück aus den mitgebrachten Vorräten und zog dann raus, wobei sich die Laune im Morgenlicht sofort aufhellte – die ersten Photos habe ich um 6.50 Uhr gemacht, entsprechend früh war ich also aufgeweckt worden.
Sarria früh morgens

Das wichtigste an Sarria ist, dass es etwas mehr als 100 Kilometer von Santiago entfernt ist und verkehrsgünstig gelegen – da man die „Compostela“, die Urkunde, die den Pilgergang nach Santiago de Compostela mit den üblichen Buseübungen und Gottesdiensten bescheinigt, nur bekommt, wenn man die letzten 100 Kilometer zu Fuß geht oder die letzten 200 mit dem Fahrrad (was, soweit ich weiß, dann auch für das Reiten auf Eseln gilt).
Entsprechend dieser Regelung gibt es also Unmengen von Pilgern, die die Urkunde bekommen wollen und in Sarria starten – im Pilgerausweis werden dann möglichst viele Stempel gesammelt um glaubhaft machen zu können, dass man wirklich gewandert ist. Und diese Pilger sind dann oft genug deutlich zu erkennen: ganz und gar nicht abgerissen, perfekt frisiert, perfekt ausgestattet mit allen Utensilien für eine längere Wanderung, soooo sauber, frisch gewaschen und nach Deo und Weichspüler riechend, treten sie in größeren Gruppen auf, trinken schon bei der ersten Rast das erste Bier oder das erste Glas Wein, sind froh gemut und eben echte Pilger (Jakobsmuscheln z:B. habe ich vorher bei nur wenigen gesehen, hier plötzlich bei fast jedem).
Dementsprechend voll waren die Wege dann auch – das Wandern hatte fast etwas von Autobahnverkehr, ständig wurde überholt, nur selten gab es ruhige Momente – und lustig war es, dass immer, wenn es regnete (und es regnete immer wieder mal, nicht wirklich zu stark, aber auch nicht wirklich wenig), wenn Wasser von oben kam, sich viele Menschen irgendwo unterstellten, während man andere einfach so vorbeiwandern sah – die, die lange unterwegs waren, waren eben abtgestumpft genug, um sich aus dem Wechsel von Nass und Trocken noch viel zu machen.
Ganz entgegen meiner Gewohnheit habe ich wohl kein Photo von jenem sagenhaften Kilometerstein gemacht, der die magische 100er Grenze kennzeichnet, oder aber ich versuchte es damals und habe zwischendurch gelöscht wegen Unschärfe oder so. Aber wer's unbedingt sehen will, wird bei Wikipedia fündig: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Jakobsweg_100km_Stein.JPG&filetimestamp=20081222221808
Ansonsten gibt es noch ein berühmtes Bauwerk in der Nähe, eine alte Brücke, vielleicht römisch, vielleicht aus dem Mittelalter, ich weiß es nicht mehr und habe auch nicht ordentlich photographiert (zumindest was die Brückenbögen angeht, solche Brücken hatte ich bis dahin schon hunderte gesehen, irgendwann wurden sie dann langweilig). Immerhin gibt es ein Photo, das aus wandertechnischer Sicht entstand:
Ponte Aspera

Zwichendurch gab es dann noch einmal eine Stelle für ein paar Photospielchen – überall war es reichlich feucht und wenn das Wasser nicht als Regen von unten kam, so kam es doch aus jeder Ritze von unten oder als Quelle, Rinnsal oder Bach von allüberall, so dass es auch reichlich Reflektionen gab:
ein Pilger, diesmal moderner

Überhaut war es ein Tag, an dem ich mir sehr viel Zeit gelassen habe für meine Neugierde und meine Photos. Irgendwo entdeckte ich eine kleine Kapelle am Wegrand, die Tür war offen, also lag nichts näher, als hineinzuschauen. Diese winzige Kapelle machte zwar nicht mehr den aller gepflegtesten Eindruck, aber andererseits war sie doch sehr interessant: offensichtlich vor längerer Zeit entstanden und früher stärker genutzt (immerhin gab es einen uralten Taufstein am Rand), heute nur noch verwahrlost und von Pilgern als Ablegestelle für diverse Wünsche und Grüße gebraucht:
Kapelle

Ich verbrachte weit mehr als eine Viertel Stunde dort, während die meisten Wanderer einfach vorbei zogen, manche immerhin einen kurzen Blick hinein warfen und nur die allerwenigsten einen Schritt hinein wagten. Schade, denn irgendwie sind solche verlorenen Orte doch auch faszinierend – damals genauso wie heute noch, zumindest für mich, und ich kann mich auch nach einem Jahr noch sehr gut daran erinnern, mit welcher Gefühlsmischung aus Neugierde, Ehrfurcht und Scham ich daran ging, das, was wildfremde Menschen dort hinterlassen hatten, zu durchstöbern, nach Altem zu suchen, nach Interessantem ...
Kapelle

Genauso fasziniert war ich von einer genialen Lösung, die Waldwege auch dort gangbar zu halten, wo sie bei nassem Wetter zu Bächen wurden – und wirklich trocken war das Wetter nicht, was ja für Galizien auch recht normal ist. Für das folgende Photo, wo ich den Weg einfach ohne Leute photographieren wollte, musste ich mehr als 10 Minuten warten – aber das musste einfach sein, auch wenn ein paar von den Photos mit Leuten auch nicht schlecht sind ;-)
Steinweg

Nach über 300 Photos und viel Zeit mit Gucken und Träumen kam ich dann doch noch in Portomarin an, das im Mittelalter sehr wichtig war, sich aber durch den Bau einer Talsperre am Fluss sehr veränderte – es wurde einfach verlegt, wobei natürlich nur sehr wenig der originalen Bausubstanz verlegt werden konnte – so z.B. die alte Kirche San Nicolás, eine alte Wehrkirche.
Portomarin

Nach dem üblichen Einchecken in der Herberge und der Dusche zog ich ins Dorf, hauptsächlich, weil ich mir die Kirche genauer ansehen wollte. In der war ich dann auch recht lange, auch wenn nicht viel zu sehen war – im Gegensatz zu den meisten Kirchen auf dem Weg, war sie auch im Innern recht einfach und fast schmucklos. Mein Mitleid gehörte einem Vogel, der sich ins Innere verirrt hatte und immer wieder gegen die Scheiben der Fenster flog, unfähig, den Weg hinaus zu finden – aber offensichtlich war dem Vieh nicht zu helfen, die Fenster nicht zu öffnen und das Dach viel zu hoch um ihn eventuell einzufangen und hinaus zu bringen.
Vor der Kirche ertappte ich dann noch zwei Damen, die sich das Pilgern doch sehr einfach machten oder zumindest die 100er Grenze sehr frei auslegten, sind es vom Ort ihres Autoausstieges doch weit weniger als die geforderten 100 Kilometer Fußweg ...
Schummelpilger


Strecke: 22 km
Wetter: unterschiedlich bewölkt, oft Regen
Allgemeine Befindlichkeit: erschöpft aber ohne größere Schmerzprobleme

Mittwoch, 20. Mai 2009

Jakobsweg – 20.05.2008: Triacastela => Sarria

Und tatsächlich gab's morgens dann den Höllenlärm, wie erwartet: die Schwingtüren, die sowieso schon laut waren, selbst wenn man vorsichtig war, waren seit frühen frühen Stunden zu hören, der Gipfel war dann aber ein alter ekliger Mann, der hemmungslos die Türen mit voller Lautstärke auf riss und pendeln ließ – für den Gang auf's Klo allein alle fünf nebeneinander liegenden Kloabteiltüren nacheinander, um sich dann endlich für eins der Abteile zu entscheiden – es gibt einfach fiese Idioten. ...
Also bin ich fix von dannen gezogen, hatte mich am Ortsausgang für den etwas längeren Weg am Kloster vorbei entschieden und sauste flugs aus dem ansonsten noch schlafenden Triacestela heraus in die galizischen Wälder.
viel zu früh – wie immer

Der Weg führte (teilweise direkt an einer Nebenstraße) einem kleinen Fluss folgend durch Berge und Hügel, die teilweise recht schroff waren. Wirklich interessant fand ich dann auch immer wieder die kleinen Rinnsale, die direkt aus dem Stein kamen, manchmal auch als kleine Wasserfälle.
fallende Wasser von Triacastela

Sobald der Weg die Landstraße verließ, führte er in der Regel durch die für Galizien typischen, von Steinmauern gesäumten Hohlwege, die in Jahrhunderten gewachsen sind in dieser uralten Kulturlandschaft. Ich persönlich liebe solche Wege, solche Gegenden ja unendlich – und ich glaube, ich bin nicht der einzige.
Waldweg

Highlight des Tages war ein Kloster Samos, das in jedem Reiseführer als ganz besonders, romantisch, ungewöhnlich und auf jeden Fall sehenswert angepriesen wird, das irgendwo in der Mitte meiner Tagesetappe versteckt lag und das ich auch hatte sehen wollen, weswegen ich die drei oder vier Kilometer zusätzlich in Kauf nahm. Und irgendwann tauchte es dann auch endlich auf:
Samos

Das gute Kloster selbst ist zwar schon uralt, aber wurde durch ein Feuer 1951 fast völlig zerstört und danach wieder neu aufgebaut, so dass von der originalen Baumasse und den alten Fresken kaum etwas übrig ist – und die neuen Fresken sind einfach grausam, aber lustig ist es, von einem Mönch herumgeführt zu werden, der munter einer Schar von fremdländischen Touristen, die allesamt des Spanischen unkundig sind, erzählt und erzählt, aber kaum verstanden wird ...
Samos - Mönch

- beim nächsten mal werde ich wohl eindringlicher versuchen, wenigstens ein wenig Spanisch zu lernen ...
Und auch, wenn ich von den Ausführungen des Mönchs nicht so viel verstand, gab es doch ein paar interessante Einblicke und ein paar „Aha! Ach so!“, da der gute Mann es doch verstand, seine Ausführungen mancherorts auf Sprache für Volldeppen zu reduzieren und uns ein paar Brocken Allgemeinverständlichem hinzuwerfen, wie den Namen eines Papstes, der irgendwo gemalt war oder auch eine Bibelstelle, die in der lateinischen Benennung allgemein verständlich ist. Und sowieso ist so etwas völlig ungewohntes, wie das Leben in einem Kloster an sich schon spannend genug, so dass es auch ohne den Mönch immer zu verstehen, der ja an sich schon sehr lustig war, sympathisch und ein wenig schrullig, ein nettes Erlebnis war.
Samos

Ganz besonders schön war von Samos aus der alte Weg in Richtung Sarria, der am Fluss entlang führte, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, mal direkt am Wasser, mal ein Stück weiter oben am Abhang – schön war dieses Stück und schlecht beschildert, so dass ich lange Zeit der einzige war, der dort unterwegs war, bis ich eben auf jenen guten Mann stieß, der ganz allein nicht auf dem Weg unterwegs war, sondern mitten im Fluss:
Schön wär's ...
(ausnahmsweise gibt’s hier mal ein etwas älteres Photo)



Auch wenn es am Weg keine großen Städte gab, gab es doch eine Menge von hinterlassener Kultur zu sehen – vor allem eben viel vergessene Dorfarchitektur, die meine romantische Ader anspricht -
Dorfarchitektur

Genauso spannend finde ich ja immer auch die Begräbnisplätze, und ich kam an einigen Friedhöfen vorbei, wo ich immer wieder versuchte, zu photographieren:
Friedhof

Irgendwann kam ich dann nach Sarria, ganz sicher nicht als der erste – wie immer hatte ich mir viel Zeit gelassen, ging zwar wie immer relativ zügig (unterwegs überholte ich immer viele Leute, wenn ich einfach nur ging, wurde aber um so mehr überholt, wenn ich photographierte und mitunter auch mal Minuten lang wartete um ein bestimmtes Bild hinzukriegen oder lange um Häuser herumstrich, um ein Bild zu machen, mit dem ich zufrieden war ... Dass ich nicht der erste war, merkte ich in der öffentlichen Herberge, die von der Stadt betrieben wird, dadurch, dass das Duschwasser inzwischen wieder kalt war, zu viele hatten vor mir geduscht.
Abends schrieb ich mir dann auf, dass ich inzwischen immer mehr Sehnsucht nach gutem Essen hatte – vor allem Gemüse fehlte, da die Pilgermenüs oder das Essen aus der Tüte, die man den ganzen Tag mit sich herumschleppte, nicht gerade reich an frischem Gemüse war, Obst konnte man dann immerhin fast überall kaufen und Äpfel hatte ich sowieso fast immer ein, zwei Stück im Gepäck.

Auch etwas besonderes – oder zumindest damals notierenswertes – war es, dass ich mich ausgiebig rasiert hatte (ok, das machte ich mindestens jeden dritten Tag, auf dass ich nicht zu waldschratig aussah) und wohl auch Haare gezupft hatte, die garstigen Dinger, die aus Nase und Ohren wachsen, wenn man sich ihrer nicht annimmt und so blöd aussehen ...). Schon spannend, was ich damals aufschrieb, aber Gelegenheit für solche doch sehr privaten Sachen gab es selten, denn man war unterwegs oder aber in Herbergen, die gerade mal in der Toilette privat waren.

Strecke: 21 bis 22 km
Wetter: sonnig, trocken, warm
allgemeine Befindlichkeit: gut

Dienstag, 19. Mai 2009

Jakobsweg – 19.05.2008: Hospital da Condesa => Triacastela

Jakobsweg – 19.05.2008: Hospital da Condesa => Triacastela
Wie immer sehr früh raus – inzwischen hatte ich mich wohl daran gewöhnt, wirklich im Morgengrauen oder sogar davor aufzuwachen. Hospital da Condesa ist, im Gegensatz zu seinem Namen, ein winziges Dörfchen, das sich vielleicht 200 m. am Weg entlangzieht und dementsprechend war auch der Weg zur Bar (für B: das war Nr. 1) nicht weit.
Nach dem üblichen Kaffee – und, soweit ich mich erinnere, gab's hier ausnahmsweise Schinken zum Frühstücksbrot – ging's weiter, die zweite Hälfte des Weges durch das Dorf bis zur Kirche.
Dracula
Weil hier der Kirchturm offen war, nutzte ich natürlich die Gelegenheit, mir das Ganze etwas genauer anzuschauen, kletterte hinein, versuchte zu photographieren (was mir aber gar nicht gelang) und bewunderte die uralte Simpelarchitektur in Stein. Mein Rucksack war vor der Tür geblieben, und so entdeckte dann auch Marc dieselbe und kam auch herauf, ein sehr netter Franzose, den ich hin und wieder schon gesehen hatte, mit dem ich mich bis dahin aber nie länger unterhalten hatte.
Wir zogen also zusammen los (wobei ich ihn mächtig bremste, obwohl ich versuchte, wenigstens ein Stück weit mitzuhalten). Er erzählte mir die spannende Geschichte seines Jakobsweges: lange geplant und immer wieder verschoben weil er oder seine Frau krank waren. Jetzt war er endlich, im zarten Alter von 70 Jahren, gesund genug zu wandern – seine Frau hatte inzwischen verzichtet und ihn allein los geschickt. Zum Abschied hatte er sich im heimischen Garten einen Stock geschnitten, mit dem er auch heute noch unterwegs war, nicht ganz so schick gerade wie meiner, aber dafür um so individueller ;-)
Nach höchstens einer halben Stunde konnte ich dann nicht mehr so schnell wie Marc, also trennten wir uns, er sauste davon und ich zockelte im Langweilertempo hinterher.
Auf dem Weg gab es ein paar winzige galizische Dörfer, die zum größten Teil unbewohnt waren – offensichtlich zieht es die Bevölkerung weg aus dieser Gegend in die Zentren, wo hoffentlich ein besseres Leben möglich ist – aber auch wenn die Tatsache, dass die Leute dort kaum ihr Auskommen haben, traurig klingt, so ergibt sich aus dem Wegzug doch eine Vielzahl von Motiven, die zumindest mich ansprechen – vielleicht liebe ich ja doch das Morbide ...
Fenster

Nachdem Marc davon gesaust war, wanderte ich wieder allein durch diese sehr angenehme Wandergegend – der Weg führte auf Pfaden und landwirtschaftlichen Wegen durch eine zwar sehr hoch gelegene (1200 bis 1300 m) aber nur schwach gewellte Gegend, es regnete nicht und ich liebte es, den Blick schweifen zu lassen.
Unterwegs begegnete ich dann auch wieder einer Familie, von der immer wieder gesprochen wurde und die ich immer nur von Ferne sah, diesmal kam ich zwar direkt an den Eseln vorbei, aber die Reiter (die beiden Kinder) oder die beiden Leute, die die Esel führten (die Eltern einer Familie, die wohl aus Frankreich kam, zumindest wurde das erzählt von Leuten, die mehr als nur die Esel getroffen hatten).
Dracula

Eigentlich ja eine durchaus bemerkenswerte Sache das, da wandern ganz viele Leute unabhängig voneinander einen Weg und nach einiger Zeit kennt man sich – ich hatte von der französischen Familie gehört, später traf ich dann Leute, die irgendwann dann feststellten: „Ach, du bist das mit der kaputten Karte“, weil sie von mir gehört hatten – richtig klein ist die Welt das Jakobsweges offensichtlich.

Nach einigen Kilometern gab es dann doch noch eine richtig heftige Höhenänderung auf dem Weg, von 1200 Metern ging es auf 6 Kilometern wieder herunter auf harmlose 650 Meter – aber auch wenn das ein beachtenswerter Abstieg ist, fiel er mir kaum auf, weil es auf schmalen und nicht zu zerstörten Wegen über lange Strecken durch Wald oder Landwirtschaft ging, angenehm zu gehen und lange nicht so verschlammt und gelenktötend wie in den Pyrenäen.
Eigentlich hatte ich ja geplant, noch weiter zu gehen, aber als ich das kleine Dorf Triacastela fand, das nett im Tal lag und vor allem die Herberge sah, zwischen Dorf und Fluss gelegen, entschied ich spontan, zu bleiben, auch wenn ich höchstens 16 Kilometer gewandert war und die Energie für weit mehr gereicht hätte.
Herberge in Triacastela

Die Herberge war noch geschlossen, als ich ankam, aber würde bald öffnen, also vertrieb ich mir die Zeit mit einer kleinen Mahlzeit aus der Tüte. Als die Herberge öffnete, besetzte ich flugs ein Bett – hier gab es sehr nett eingerichtete Viererzimmer mit dem unendlich großen Nachteil, nicht geölter Schwingtüren – wann immer jemand hinein oder hinaus ging, ertönte ein Lärm, der die ganze Herberge erschütterte – und dieses überaus moderne Prinzip von Türen, die ohne Probleme jederzeit geöffnet werden können, auch wenn man z.B. einen Rucksack vor sich her trägt oder Handtücher und Wechselklamotten, dieses Quietschschwingtürenprinzip zog sich durch die ganze Herberge: Duschkabinen, einzelne Toiletten, jeder Raum hatte diese Türen. Mir war schnell klar, dass es eine harte Nacht werden würde in Triacastela.
Am Nachmittag nutzte ich die freie Zeit (selten war ich so früh in einem Ort) um mich umzuschauen, schade nur, dass dort nichts zu sehen war. Immerhin begegneten mir ein paar Reiter auf dem Friedhof, allerdings waren das eher die Leute, die man sich unter arrogantem Reitersvolk vorstellt, schicke Pferde sowieso, Reitklamotten vom Feinsten (zumindest frisch gewaschen, hochglanzgeputzte Stiefel, ...) und natürlich kein Gruß oder ähnliches (später sah ich dann, wie die Pferde in Anhänger verladen wurden, am nächsten Tag würde ich sie wieder sehen, Geländewagen entsteigend, nachdem Pferde und Reiter um die anspruchsvolleren Teile des Weges herum chauffiert worden waren)
hochwohlgeboren?

Richtig fasziniert war ich von der Architektur des Einfachen – aus den Steinen, wie sie auch zu Hauf auf dem Feldern herum lagen oder aus dem Waldboden ragten, war einfach alles gebaut, Häuser, Wege, Treppen, ... Und dabei wurde dieses eher grobe Material doch sehr kunstvoll verarbeitet und ergab perfekte Linien und Kanten, die auch in Ruinen oder zumindest leerstehenden Häusern noch lange Zeit erhalten blieben, ... Doch, für mich hat Galizien mit seinen tiefen Wäldern, diesen Häusern, diesen Steinen etwas sehr Mystisches, auch wenn ich nur Triviales photographierte:
Leerstand

In der Herberge traf ich San wieder, die ich in Leon das letzte Mal gesehen hatte, wo sie mir fünf Euro aufgenötigt hatte, nachdem sie von meinem Kartenproblem gehört hatte. Mit ihr unterhielt ich mich längere Zeit – nachdem ich aber reichlich Kram für's Abendessen eingekauft hatte, ergab sich kein gemeinsames Abendessen, wozu ich sie gerne eingeladen hätte, sie ging in eine Bar im Ort, um dort das Pilgermenü zu genießen, ich in die Herberge, wo ich mich an einem Salat aus der Plastikschüssel, frischen Gurken und Tomaten und einem Käsebrot gütlich tat und dabei mit einem Paar sprach, soweit ich mich erinnere, waren es wieder die beiden aus Irland, die ich einige Tage zuvor mal kennen gelernt hatte, aber genau kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass wir lange zusammen saßen, ich aus meinen Vorräten aß und mich freute an frischem Gemüse und die beiden sich an ihrer Konserve gütlich taten. Die Frau hatte mir mittags ein Buch geliehen mit Geschichten, das ich dann am Abend schon wieder zurückgeben konnte, nachdem ich zwei oder drei der Geschichten gelesen hatte, zufälligerweise ein Buch mit Texten einer südafrikanischen Autorin, die Südafrika dann doch ganz anders sah als San.
Im Dorf hatte ich in einem winzigen Laden ein paar englischsprachige Bücher entdeckt, so dass ich jetzt wieder ein Buch hatte (auch daran, welches Buch ich damals gekauft hatte, kann ich mich nicht mehr genau erinnern, es war zumindest etwas, was wohl unter dem Oberbegriff „unterhaltende Literatur“ oder Ähnlichem zu verhackstücken wäre). Da abends das Licht zentral gelöscht wurde, hatte ich noch einige Zeit Licht und widmete mich dann auch mindestens eine halbe Stunde dem Lesen im Bett, einer meiner Lieblingsbeschäftigungen überhaupt.


Strecke: 16 km
Wetter: anfangs recht kühl, später dann ausreichend warm, heftig bewölkt aber überwiegend trocken.
Allgemeine Befindlichkeit: Entspannt ruhig, ein wenig erschöpft.

Montag, 18. Mai 2009

Jakobsweg – 18.05.2008: Vega de Valcare => Hospital da Condesa

Das erste Photo, das ich damals gemacht habe, entstand außerhalb des Ortes um 6.28 Uhr, also bin ich wohl gegen 6.00 Uhr aufgestanden. Auch in dieser Herberge war ich nicht der erste, wurde aufgeweckt von irgendwem, packte in aller Stille meine drei Teile und machte mich draußen vor der Tür fertig und hatte die Herberge inklusive Zähne putzen und einem schnellen Kaffee aus der Tüte schon verlassen, als die Rascheler, die mich mit ihrem Frühgemähr aufgeweckt hatten, endlich den Schlafsaal verließen.
wirklich richtig früh

Auch wenn Gott und die Welt höllische Angst vor der Etappe gehabt hatten, ging ich frohgemut los, mitten hinein in den Regen oder Nebel oder die Wolke oder was auch immer es war, was ständig zwischen völlig durchnässt werden und nicht ausreichend für den Regenumhang schaukelte, so dass ich immer wieder wechseln musste: zog ich den Regenumhang an, wurde mir schnell viel zu warm darunter, zog ich ihn aus, wurde ich nass und nässer. Aber ausnahmsweise ging ich fröhlich vor mich hinpfeifend, völlig ohne Musik in den Ohren, gut gelaunt und genoss die Regenbilder – wirklich richtig schön, der Regen in den Bergen, aber schwierig zu photographieren. Richtig spannend wäre wohl mal eine Serie über eins der leer stehenden Häuser, bei der richtigen Beleuchtung kann ich mir vorstellen, dass es da auch arg gruselig sein kann – bei Gelegenheit werde ich auch von diesem Haus noch ein paar Bilder hoch laden.
Leerstand

Irgendwo kam dann auch die lang erwartete Grenze zu Galizien, gekennzeichnet tatsächlich durch einen Zaun (wohl eher wegen irgendwelcher wildschützerischer Angelegenheiten, weniger ein Grenzzaun) und einen Stein.
Grenze zu Galizien

Ich war nicht besonders schnell wurde wohl auch ein paar mal überholt (aber überholte wiederum andere), und schließlich hatte ich die 12 Kilometer und 800 Höhenmeter überwunden und war oben auf dem Berg, wo ich einfach nur noch höllisch fror.
O Cebreiro

Aber die Regen/Nebel/Wolkenstimmung in diesem Kloster war einfach nur gut – anzuschauen, für einen Moment, wohnen würde ich an so einem Ort ja auf gar keinen Fall wollen. Inmitten des Nebels strahlte das alte Kloster mitsamt der Nebengebäude ja mystisch aus – hauptsächlich Kälte – und ich fing an, in meinem Kopf Scenarien für grausame Filme zu entwickeln, aber irgendwann zwang mich die Kälte doch zur Flucht. Eigentlich war ja geplant, dort oben einen Kaffee zu bekommen, aber die meisten Sachen waren einfach geschlossen, es war gerade Zeit für die Pilgermesse (wäre es geheizt gewesen, hätte ich ja vielleicht sogar teilgenommen, einfach um mich aufzuwärmen) und noch zu früh für die Tages-Ausflugstouristen – aber in einem dieser Häuser bekam ich von einer unwirschen Bedienung dann doch einen übertreiben teuren und kaum wärmenden Kaffee und beschloss, gleich weiter zu sausen, in der Hoffnung, mich aufwärmen zu können, wenn ich einfach schneller wanderte.
O Cebreiro

Flugs wanderte ich also weiter, gab wirklich richtig Gas auf dem Weg, der schwach abschüssig war und fror dann auch wirklich etwas weniger, vor allem, als es mir endlich gelang, aus der Wolke heraus zu kommen, die seit dem Morgen die Gegend eingehüllt hatte.
Wolke

Ich wanderte noch weiter bis nach Hospital da Condesa, wo ich gleich bei Ortseingang dem Wegweiser zur Herberge folgte, die bis auf Matthias völlig leer war – der Herbergsvater würde sicherlich irgendwann noch kommen und so genossen wir eine absolut leere Herberge, reservierten uns die nettesten Betten, schwelgten in Massen warmen Duschwassers – was ich auch brauchte, war ich doch völlig durchfroren.
Heute habe ich keine genaue Erinnerung mehr an Matthias, es ist einfach zu viel Zeit vergangen, ich weiß aber noch, dass wir uns auf Anhieb verstanden, unseren Proviant teilten, sogar Tee und Kaffee kochten, dann noch eine gemeinsame Waschmaschine hinbekamen (in der Regel hatte einer der Pilger nie genug Klamotten, um eine ganze Waschmaschine zu füllen) und den Abend dann unabhängig voneinander verbrachten, ich erforschte das Dorf, was er machte, weiß ich heute nicht mehr.
Auf dem Weg nach Hospital hatte ich aber noch das passendste Denkmal überhaupt gefunden:
Denkmal
Diese Figur zeigte wie keine andere am Wegrand, wie ich mich an jenem Tag fühlte: nicht einsam aber allein stemmte ich mich gegen den Wind, der teilweise wirklich von vorn blies, kämpfte gegen den Regen und wanderte wacker weiter ...



Strecke: 22 Kilometer
Wetter: neblig, Regen, sehr wenig Sonne
allgemeine Befindlichkeit: gut, auch wenn's weh tut ;-)

Jakobsweg – 17.05.2008: Ponferrada => Vega de Valcare

Jakobsweg – 17.05.2008: Ponferrada => Vega de Valcare

Wieder einmal wurde ich früh geweckt, ich selbst hätte ja weiter schlafen können, aber die Gruppe Brasilianer inklusive der netten Frau, die ich so überaus süß fand, machten morgens wieder eine Menge Lärm, schafften es aber wie immer nicht, den Schlafraum zu verlassen. Und heute, ein Jahr später, lese ich, dass ich damals von der überaus Süßen schrieb, und kann mich nicht im geringsten erinnern – ich weiß, dass es diese Gruppe gab, tagsüber ganz nette junge Leute, die ich hin und wieder gesehen hatte, wie man sich eben öfter mal begegnet, unterwegs, und dass genau diese netten Leute abends schon nicht die ruhigsten waren, was mir auffiel aber nicht sonderlich störte, denn sie waren zwar nicht mucksmäuschenstill, aber auch nicht so lärmend, dass sie wirklich gestört hätten – aber morgens waren sie dann doch etwas nervig, so dass ich eben sehr früh aufstehen musste.
früh

Frühstück gab's erst mal keins, nur einen Kaffee aus der Tüte schon in der Herberge, in Ponferrada hatte ich einfach noch keine Lust zu pausieren, nachdem ich die Herberge verlassen hatte.
Nach der Herberge kam ich dann an der Burg vorbei, die ich ja gestern hätte ansehen können, wenn ich ein paar Stunden früher gekommen wäre.
Burg

Außer der Burg gab's noch eine Kathedrale um vorbei zu wandern und einige verschiedene Denkmäler, die allesamt ganz unterschiedliche aber keine Hochwohlgeborenen zeigten, wie das die üblichen Denkmäler in deutschen Landen zum Beispiel ja tun, hier gab's keine Fürsten oder Könige oder Herzöge sondern an der einen Stelle waschende Frauen, an der anderen mal wieder einen Pilger
Pilger?

Im nächsten Dorf gab's dann doch ein Frühstück, ganz gemütlich und fast allein in einer Dorfbar. Im Gegensatz zur Dorfbar war aber der Weg fast schon überlaufen, überall waren Massen von Menschen unterwegs – vor allem in Villafranca del Bierzo, einem Ort, der für den Weg tatsächlich von historischer Bedeutung ist: Dort wurde den Pilgern, die die folgende Etappe über die Berge aufgrund von Alter oder Krankheit nicht schaffen konnten, in einer Kirche der Gnadenablass erteilt. (Seltsamerweise schweigt sich Wikipedia gerade über Villafranca del Bierzo aus, während andere, zumindest für den Jakobsweg weniger bedeutende Orte weit ausführlicher beschrieben werden http://de.wikipedia.org/wiki/Villafranca_del_Bierzo ).
Und natürlich ist dieser Ort auch heute noch sehr wichtig – und neben den Pilgern, die zu Fuß unterwegs sind, auch ein ganz wichtiger Ort für andere Pilger:
Die entsprechenden Busse halten am Ortsrand, Massen von Menschen in funkelnagelneuen Wanderschuhen mit den schicken Nordic-Walkin-Stöcken, die offensichtlich noch keine Pfütze gesehen haben, allesamt mit einem Minirucksack bewaffnet, in dem sich wohl diverse Kleinigkeiten verstauen lassen, die aber in der Regel arg leer aussehen, Massen von professionell ausgestatteten Wanderen eben, strömen aus den Bussen und wandern dann frohgemut in das Dorf herein, wichtig aussehend, um dann überall wo nur möglich hineinzuströmen und Stempel auf dem Pilgerausweis zu sammeln – einen bekommt man beim Café, einen in der Kapelle, einen im Dorfmuseum, in den drei Kirchen des Ortes, sofern sie geöffnet sind, dann auch jeweils einen ... Wenn die Gruppe dann durch das Dorf schwadroniert ist, wartet, bevor man durch langweilige industrielle Vororte wandern müsste, dann wieder der Bus, in dem man zum nächsten bedeutenden Ort gekarrt wird – und wer in so einem Dorf nicht mindestens fünf Stempel ergattert ist sowieso unten durch ... (den Beispielbus habe ich ankommen gesehen, aber zum Photographieren war er zu weit weg, die Gruppe hat mich dann teilweise überholt, weil ich mit meiner Kamera und nach 24 Kilometern doch etwas langsamer bin als diese Musterwanderer, ein viel zu großer Teil der Gruppe lärmte in die kleine Kapelle, in der ich versuchte, ein paar Photos zu machen.
Kapelle

Die Kapelle war uralt und vollgestellt mit Wallfahrtsbedarf – vermutlich zieht das ganze Dorf zu einem bestimmten Anlass durch die Umgebung ausgerüstet mit dem ganzen Jakobsweg in güldenen Figuren. Und wirklich spannend war neben der Kapelle und ihrem Inhalt das Verhalten der Busler: Sie strömten sich laut unterhaltend herein, scharten sich um den Tisch am Eingang, wo man Informationsmaterial erwerben konnte, wo leider aber auch Stempel vergeben wurden, und erst wenn der Stempel im Pilgerpass war, gab es dann ein paar dieser Buspilger, die sich im Innern noch umsahen, viele aber zogen mit ihrem Stempel gleich wieder weiter, das primäre Anliegen war ja erfüllt. Ich hätte gern ein wenig nachgefragt, fand ich die kleine Kapelle doch recht bemerkenswert, einerseits als Stauraum für lauter Heilige, aber andererseits auch aufgrund des fest installierten Schmuckwerks, gerne hätte ich ein wenig über die Geschichte erfahren, gerne noch etwas mehr geschaut, aber ob der Invasion der zutiefst gläubigen Stempler musste ich doch nach draußen flüchten – und rund um meinen Rucksack mit Stock und Hut ließ sich gerade ein anderer Teil der Gruppe photographieren, die ich gewähren ließ, dann wortlos einpackte, tatsächlich genervt aber doch so höflich, nichts zu sagen und wollte gerade von dannen ziehen, als sich eine ca. 50 jährige Dame aus der Gruppe entblödete, mehr als lauthals zu fragen „Sind Sie auch wegen dem HaPe hier?“ Ich entgegnete im eisigsten Ton, der mir möglich war, dass dem glücklicherweise und ganz gewiss nicht so sei, dass ich das Buch nicht einmal gelesen hätte und so bald auch nicht lesen würde und stapfte weiter.
Am Ortsausgang wartete dann auch wieder der Bus und die besonders wackeren Stempler hatten es offensichtlich geschafft, schneller als ich durch den Ort zu kommen, hatten also ihre Stempel beisammen und warteten im Bus sitzend auf die Nachzügler.
Was ich leider am Ortsausgang nicht fand, war der Wegweiser, der den Weg abseits der Straße anzeigen sollte – ich erwischte nur den Weg an der Straße, der aber auch nicht gar zu schlimm war – es war spät, außerhalb des Ortes sah ich nur noch ein paar RadPilger, die an mir vorbei sausten aber keine Wanderer mehr und die Straße zog sich durch das Tal eines kleinen Flusses inmitten eines wunderschönen Waldes – ich wanderte vor mich hin und wurde den Rest des Tages kaum noch gestört.
In Pereije, also ca. 29 oder 30 Km nach Aufbruch, traf ich ein französisches Paar, die ich schon vorher hin und wieder gesehen hatte, sie waren in der Herberge unter gekommen und fragten, ob ich nicht auch bleiben wollte, es sei eine wunderschöne Herberge, aber noch hatte ich keine Lust zu bleiben und wollte noch nach Trabadelo, weitere vier bis fünf Kilometer weiter – nicht zuletzt auch, weil ich den Weg neben dem rauschenden Fluss und der Straße, auf der mehr Radfahrer unterwegs waren als Autos, so schön fand.
Weg

In Trabadelo fand ich die Herberge auch, auch dort nicht allzu viele Menschen und vor allem sehr viele sehr junge Leute – aber leider war die Herbergsmutter nicht da und niemand wusste, wann sie zurück käme – und die Herberge war verschlossen. Also ging ich einfach weiter.
Die Broschüre der Regierung des Bezirks mit dem Herbergsverzeichnis, die ich dabei hatte, versprach mir eine Herberge nach vier weiteren Kilometern – und die würde ich ja locker schaffen, schaffte sie auch ohne Probleme, nachdem ich eine kleine Kaffeepause gemacht hatte. Nur leider war die Herberge geschlossen und würde erst im Juni öffnen. Und bis zur nächsten waren es dann noch 5,7 Kilometer.
Richtig spät war es, als ich ankam, inzwischen tat auch so ziemlich jeder Muskel weh, und viel weiter hätte ich nicht mehr gehen können, ich hatte schon Ausschau gehalten nach Möglichkeiten, draußen zu übernachten, wenn die Herberge hier geschlossen oder überfüllt wäre, denn viel weiter hätte ich nicht gehen können. Aber es gab noch reichlich Platz, nur ging die Herbergsmutter Maria , kurz nachdem ich angekommen war und überließ uns und die Herberge ihrem Schicksal (was ausnahmsweise blöd war, denn kurze Zeit später ging der Strom nicht mehr und niemand wusste, wie die Herbergsmutter zu erreichen wäre).
Später spielte ich noch Herbergsvater, als zwei Spätpilger kamen, ein offensichtlich ganz heftig frisch verliebtes junges Paar, die wichtigeres zu tun hatten, als jeden Morgen los zu rennen und blind bis zum nächsten Etappenziel zu sausen um da rechtzeitig anzukommen. Die paar Leute, die in der Herberge noch wach waren, wussten nicht, was nun zu tun wäre, war doch keine Herbergsmutter da, also übernahm ich spontan den Job, erklärte ihnen die Situation, gab ihnen ihre Stempel und erläuterte, dass die Übernachtung zwar fünf Euro pro Person koste, dass ich aber vergessen hätte, sie ins Buch einzutragen, und dass es nun ihnen anheim gestellt sei, das Versäumnis am nächsten Morgen mit der echten Herbersmutter zu klären, wenn sie darauf bestünden, den üblichen Beitrag zu zahlen (und ich glaube, die beiden waren ganz froh darum, hier noch unterzukommen und nicht bezahlen zu müssen). Richtig süß kochten sie sich dann noch zusammen eine Mahlzeit auf ihrem Kocher, den sie mit sich schleppten, süß, weil sie ständig umeinander waren, kaum von sich lassen konnten und perfekt miteinander arbeiteten – doch, die beiden waren schon klasse.
Tenor der Gespräche hier und auch bei den letzten zwei, drei Pausen war der morgige Bergaufstieg gewesen: wenn man der Etappeneinteilung folgte, die die meisten Führer vor gaben, wären insgesamt 900 Höhenmeter von Villafranca bis zum O Cebreiro zu klettern gewesen – da wir etwas weiter waren, blieben nur ca. 700 Höhenmeter übrig, es wurde von 13 Kilometern Steigung gesprochen. Viele Leute überließen es Taxis und anderen Transportern, das Gepäck nach O Cebreiro zu bringen, um die grausame Steigung ohne Gepäck zu schaffen und ich machte mir kurzfristig Gedanken, hatte ich doch die Gelegenheit verpasst, genau diesen Transport auch für mein Gepäck mit Maria zu organisieren – aber dann schlief ich doch gut und tief in der Hoffnung, auch diese Hürde am nächsten Tag nehmen zu können.


Strecke: ca. 43 Kilometer, ca. 62 000 Schritte
Wetter: aufgelockerte Bewölkung, trocken, angenehm warm
allgemeine Befindlichkeit: gut (ok, erschöpft am Abend aber richtig wohlgemut).

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